K78 2012

Die Ruhe vor dem Sturm

Moin,

Mittwoch. Noch 3 Tage. Und ich bin nervös. Ziemlich. Ziemlich doll. Komisch. Sollte ich eigentlich nicht. Ich habe trainiert. Gut, dass ist sonst nicht so meine Art. Könnte also ein Grund für Nervosität sein. Weil es ja anders ist als sonst. Aber das ist es nicht.
Ich bin nervös, weil es knapp ist. Sehr knapp. Damals, erster 100er in Biel. Klar, da war ich auch nervös. Ob ich da überhaupt ankomme. War ja mein erster langer Lauf. Kannte man ja so nicht. Ging aber. Heute würde ich sagen, die Strecke vom K78 bewältigen. Kein Thema. Das geht. Gib mir Zeit. Tja. Und da ist es. Das Problem. Zeit. Die geben die mir nämlich nicht. Oder zumindest nicht unbegrenzt. Die sagen Du hast 14Stunden. Dann ist fertig.
Und indem die das so sagen, machen die mich nervös. Weil ich nicht sicher bin, ob ich mit meinem Körper das so umsetzen kann. Ich habe mir einen Plan für 13:50 zurecht gelegt. Ich will ja nicht, dass es knapp wird. Also ein Plan mit Luft. Ist schon einmal gut gegangen. Roth. 15Stunden haben die damals gesagt. War mir auch schleierhaft, wie ich das schaffen soll. Also habe ich mir einen Plan gemacht. Damals für exakt 15Stunden. Da war ich noch jünger. Mutiger. Ich habe es dann in 14:39 geschafft. Mit Luft. Ich hätte sogar noch eine Wurst essen können. Oder einen Platten flicken. Also alles locker.
So mache ich das in 3 Tagen auch. Alles locker. Vermutlich muss ich mir das nur oft genug sagen. Alles locker. Hm. Noch hilft es nicht. Ich werde es weiter vor mich hin murmeln. Alles locker.
Und dann ist da noch das Wetter. Also Wetter ist ja immer. Mal so mal so. Ich persönlich würde heiß bevorzugen. Gern auch extrem. Mittlerweile kann ich auch mit Regen. Auch da extrem. Auf dem Zettel der Prognose steht aber was von trocken zunächst, dann vielleicht Regen, vielleicht auch mal mit Blitz und Donner. Und da frage ich mich, was machen die Veranstalter da draus? Ist ja schon der Irontrail abgesagt worden. Was sicher vernünftig ist. Aber auch ärgerlich. Also, Wetter, mach Sonne, Regen oder Beides, aber lass das gepulste Licht weg. Ich will laufen. OK?
Ich denke das mit der Anreise werde ich dieses Jahr schaffen. Ich habe ein Ticket für einen Flug von dem ich weiß wann er wo abgeht. Ich habe das überprüft. Keine Überraschungen. Sogar einen Fahrplan für die SBB habe ich. Ausgedruckt. Gut den könnte ich vergessen. Wäre aber egal, weil ich weiß, dass es Züge gibt. Nicht wie damals, wo es eben keine gab. Also Anreise entspannt. Von Streik Aktivitäten ist mir auch nichts bekannt. Die Vulkane verhalten sich ruhig. Es wird. Auf der anderen Seite komme ich meist an, wenn ich bei der Anreise Stress hatte. Egal.
Ich wünschte es wäre Samstag. 7:00. Und es hätte schon einen Knall gegeben. Dann würde ich jetzt laufen. Langsam zunächst. Es zeigte sich, dass meine Knochen Anlauf brauchen. Vom Start weg volle Kamelle ist nicht mehr. Erstmal warm werden. So ab km 5 ist alles beweglich. Das Alter. M50 eben. Filisur will ich bis 10:30 erreicht haben. 3:30 für 30km mit 425 Metern anstieg. Schnell. Schnell für mich. Aber ich brauche Luft. Luft um danach diesen Berg hochzukommen. Luft die mir auf 2700 als so genannter Klippenkotzer fehlen wird. Haben wir hier nämlich nicht. Also dünne Luft meine ich. Daher: Filisur in 3:30
Bergün. Das nächste Dorf. Die nächste Etappe. 10km weiter. 1 Stunde? Nix da. Ich bin tot. Ich bin eben 30km gelaufen. Oder werde vermutlich eben 30km gelaufen sein. Noch bin ich ja nur nervös. Und nicht gelaufen. Noch ist ja Mittwoch. Also. Bergün. Wann könnte ich da sein. Wann will ich da sein? Es geht 482 Meter hoch. Auf 10km. Ich habe 30km hinter mir. Die Luft ist dünn. Noch nicht total dünn. Aber dünn. Also bin ich langsam. Nicht 70min wie bis hier. Nein auf keinen Fall. 80? 90? Vielleicht. Ich bin Realist und biete 110. Fast zwei Stunden. In Bergün will ich vor 12:20 sein. 12:20 sind nur noch 40min Luft auf die Cut off Zeit. Das muss reichen.
Das neue Ziel heißt Chants. 457Meter anstieg und nur 8km. Aber irgendwie höher und ich habe das Gefühl ich könnte erschöpfter sein. Es addiert sich ja was auf. Der Realist sagt, das wird alles nicht leichter je weiter man kommt. Und er sagt 110. Wieder. Wieder 110. Das sollte klappen. Der Puffer schmilzt auf 35Minuten. 14:10 Und der Berg kommt. Jetzt.
6km mit 810 Metern aufstieg trennen mich von der Keschhütte. 6km mit 810 Metern Aufstieg. Ich muss behämmert sein. Spätestens jetzt weiß ich warum ich nervös bin. Das ist nach 48km durchaus eine ernste Steigung. Das wird man spüren. Das wird man genießen können. Der Körper wird das nicht wollen. Da muss wohl der Kopf mal helfen. Letztlich wird es so sein, dass der Gedanke das bei einem DNF noch mal machen zu müssen mich dort hoch treiben wird. Ich hoffe auf Sonne in diesem Abschnitt. Brennende, heiße Sonne. Ich liebe das. Aber wird das Wetter mir diesen Gefallen tun? Wer weiß. Solange es kein Gewitter gibt werde ich nicht jammern.
6km mit 810 Metern Aufstieg. Was ist das Wert. In Minuten. An der Stelle. Zu der Zeit. Mit dem Körper. Was soll ich auf die Liste setzen? Soll ich den gesamten Puffer setzen? All in? Nein. Ich bin trainiert. Ich setze 120 Minuten. Oder anders ausgedrückt, weitere 15 Minuten aus dem Puffer. Bleiben 20. Um 16:10 will ich oben sein.
Und was soll ich sagen. Wenn ich da bin, was ich sein werde, also da bin ich sicher. Nervös, aber sicher. Ich werde das schaffen. Steht ja jetzt hier. Geht ja nicht anders. Also wenn ich da dann oben bin. Um 16:10. Dann habe ich beides. 20Minuten Puffer und es geschafft. Weil ab da werde ich die Welle der Glückseligkeit reiten. Ich werde meine Knie eh nicht mehr spüren und es wird mir nichts ausmachen den letzten Knorpel auf den nun folgenden Bergabstrecken zu pulverisieren. Ich werde wissen: Du schaffst das. Und damit sind die nächsten Abschnitte eigentlich egal. Gut. Naja. Laufen werde ich sie wohl dennoch müssen. Also kann ich mir auch hier und jetzt Gedanken machen wie. Wie ich die laufen will. Zunächst also Sertigpaß.
Sertig Dörfli erreiche ich um 18:20. Sagt der Plan. 13km. 342 Meter Aufstieg. Und das ganze in 130min. Machbar. Jetzt wo ich auf den Flügeln des "ich schaffe das " unterwegs bin. So der Plan. 18:20 Sertig Dörfli. Guter Plan. Und immer noch 15Minuten Puffer. Sehr guter Plan.
Weiter. Jetzt nicht trödeln. Sertig Dörfli ist noch nicht das Ziel. Nächster Abschnitt. Wie lange? Wohin? Ziel. Ins Ziel. Dahin. Noch 12. Nur noch bergab. 20:50 will ich da sein. Viel Luft. 150min. Entspannt. Kann man auch hinken. Oder? Na egal. Ich hätte gern vorher getrödelt, aber der Veranstalter hat die Zeiten vorher als Cut Off definiert. Hier gönnt er uns Luft. Und ich gedenke die zu verbrauchen. 10Minuten vor Zielschluß will ich da sein. Dort wo es das Blaue Shirt gibt. Das was man nicht im Laden kaufen kann. Das was es nur gibt, wenn man sich über die Strecke gewuchtet hat.
So, wenn man das so liest sollte die Nervosität weg sein, oder? Geht doch. Und geht gut aus das Märchen. Ich bekomme zwar nicht die Prinzessin an meiner Seite, aber das Shirt. Also wo ist das Problem? Zweifler werden sagen, das Problem ist, dass ich noch nicht den Beweis angetreten habe, das obiger Plan funktioniert. Und das ist ein valides Argument. Ich werde also weiter nervös bleiben. Bis Samstag 7:00.
Genau. Bis Samstag.